Steter Tropfen
Es riecht nach Chlor, doch das scheint niemanden zu stören. Die beiden Konferenzräume des Antwerpener Vier-Sternehotels befinden sich gleich neben dem neuen Wellness-Bereich im Keller. Zwischen ein paar Hotelgästen in Bademänteln, haben sich gut zwei Dutzend junge Menschen zusammengetan, die den Tag nicht im Solarium und auf der Massagebank, sondern auf Polsterstühlen, mit dünnem Kaffee und Schokoladenkeksen verbringen werden.
Männlich, um die 30 Jahre alt, einen tragbaren Computer zur Hand - sehr viel mehr haben die im Untergeschoß Versammelten auf den ersten Blick nicht gemein. Marc ist ziemlich beleibt und kommt aus Kalifornien, von den "Broadband Mechanics". Robert daneben ist spindeldürr mit einem langen Pferdeschwanz. Der eine hat zerissene Hosen, der nächste einen Designeranzug.
Sie sind sich nie zuvor begegnet und wären es auch wohl nie, hätte nicht einer die Initiative ergriffen: Der junger Doktorand Dries Buytaert hat diese merkwürdige Sitzung im Bahnhofsviertel der Diamantenmetropole einberufen. "Developer-Sprint" lautet der offizielle Titel des Meetings, zu dem Software-Entwickler aus aller Welt angereist sind.
Sie arbeiten nicht für dieselbe Firma, hängen keiner Ideologie an, haben die unterschiedlichsten Vorlieben, Kenntnisse und Interessen, und machen doch seit Jahren gemeinsame Sache: Das Projekt heisst "Drupal" und ist ein Softwarepaket, um dynamisch erstellte Webseiten zu generieren. Was 1999 als elektronisches schwarzes Brett in einem Studentenwohnheim in Antwerpen begann, ist heute eines der lebendigsten und vielversprechendsten Projekte in Sachen "Content Management".
Das Erfolgsgeheimnis von Drupal sind die nahezu unbeschränkten Nutzungsmöglichkeiten: Von individuellen Weblogs bis hin zu großen Community-basierten Webseiten ermöglicht das Redaktionssystem auch Menschen, die ansonsten keine Ahnung von Programmierung haben, eine ständig aktualisiertes Internetportal zu pflegen.
Dabei war der Siegeszug von Drupal alles andere als geplant. Schon der Name ist eine Verballhornung, die auf die verworrene Erfolgsgeschichte verweist: Eigentlich ging es Dries Buytaert ganz am Anfang darum, "Dorp.org" zu registrieren, weil es sich bei dem Projekt ursprünglich ja um so etwas wie ein digitales Studentendorf handelte. Doch er vertippte sich, und aus dem flämischen DORP wurde DROP, was überraschenderweise noch frei war.
Als das Dorfprojekt dann über sich hinauswuchs, musste vor drei Jahren ein neuer Name her. Der Student aus Antwerpen machte sich eine Spaß daraus, was für einen Zungenbrecher "Druppel" - so heißt "Drop" oder "Tropfen" auf flämisch - für Amerikaner ergeben würde. In einem Anflug von Lautmalerei registrierte er kurzerhand "DRUPAL", um den flämischen Zungenschlag global kompatibel zu machen.
Heute ist das nur noch eine Anekdote am Rande: Das Softwarepaket aus dem Antwerpener Stundentenwohnheim trug in den letzten Jahren maßgeblich zum großen Hype rund ums "Weblogging" oder kurz: "Blogging" bei. Diese Art Internet-Tagebücher standen für eine neue Bescheidenheit nach dem Zusammenbruch der New Economy und befriedigten gleichzeitig ein allzumenschliches Bedürfnis: Andere am eigenen Alltag, den eigenen Interessen und nicht zuletzt dem eigenen Wissen teilhaben zu lassen.
Der große Durchbruch von Drupal kam ausgerechnet im Präsidentschafts-Wahlkampf in den USA. Bei den Vorwahlen der Demokratischen Partei profilierte sich der krasse Außenseiter Howard Dean nicht nur als entschlossener Kriegsgegner, sondern auch mit einer sensationellen Wahlkampfstrategie, die auf zahllosen Internetplattformen in lokalen Communities im ganzen Land gründete. Für einige Wochen dominierte Dean mit seinem "Deanspace" die politische Debatte der USA. Das Geheimnis des Erfolges des Internet-Wahlkampfes von Dean, der fast ohne Spendengelder antrat, hiess "Drupal"; denn darauf basierten die Tausenden von Websites seiner Unterstützer.
Im Gegensatz zu vergleichbaren kommerziellen wie nicht-kommerziellen Produkten zeichnet sich "Drupal" durch verblüffend saubere Programmierung, modularen Aufbau und enorme Vielseitigkeit aus. Doch es gibt noch einen weiteren, gravierenden Unterschied: "Drupal" war von Anfang an "Open Source" - oder genauer gesagt: Der Quellcode aller Entwicklungen steht selbst Außenstehenden mit nur der einen Einschränkung zur Verfügung, dass jedwede Weiterentwicklung ebenfalls frei zugänglich gemacht werden muss.
In Zeiten, in denen eine arg gebeutelte Industrie ihr Heil in Software-Patenten sucht und sogar der Doppelklick zum Konzerneigentum degeneriert, mag das weltfremd oder zumindest ein wenig naiv anmuten.
Die Drupal-Developer aber machen einen gegenteiligen Eindruck: Ihnen geht es nicht darum, die Welt zu verbessern, sondern darum, ein gutes Produkt zu entwickeln. Offenheit ist da keine Ideologie, sondern eine Selbstverständlichkeit.
"Drupal war und ist eigentlich immer noch ein Hobby-Projekt", sagt Dries Buytaert. "Ich habe den Quellcode veröffentlicht, weil andere Leute Interesse zeigten, mit Drupal zu experimentieren." Und weil der Drupal-Code offen und frei zugänglich ist, bieten immer mehr zufriedene Nutzer Support an, entwickeln neue Funktionalitäten und helfen beim Marketing. "Das Engagement von Hunderten von Freiwilligen ist das, was Drupal vorantreibt".
Den Hype um die "New Economy" kennen die meisten, die zur Drupal-Konferenz gekommen sind, allenfalls vom Hörensagen. Hier trifft sich eine neue Generation, die Understatement statt Größenwahn pflegt. Das heißt aber nicht, daß niemand ans Geld verdienen denkt: Matt Westgate zum Beispiel ist Familienvater aus Iowa und ein schüchterner Geek, der gerade Drupal um eine E-Commerce-Plattform erweitert hat. Ein schlichter, schlanker Ansatz, der rein gar nichts mit der ordinären Ästhetik herkömmlicher Online-Shops zu tun hat, aber alle wesentlichen Funktionalitäten von eBay bis Amazon in einem kleinen Modul vereint.
Oder die schlauen Jungs von "Bryght.com" aus Vancouver: Anstatt das Rad immer wieder neu zu erfinden und darauf zu hoffen, mit halbgaren Eigenentwicklungen überteuerte Preise zu erzielen, haben sie sich in der Open-Source-Gemeinde umgesehen und das ihrer Meinung nach beste Content-Management-System zur Grundlage einer ziemlich unspektakulären Geschäftsidee gemacht. "Bryght" bieten Nicht-Regierungsorganisationen sowie kleinen und mittelständischen Betrieben, die sich weder eine Internet-Abteilung leisten können noch Geld für Werbeagenturen haben, eine ebenso kostengünstige wie nachhaltige Lösung: Drupal-Hosting und Anpassung für 39 Dollar pro Monat.
Selbst der harte Kern der Aktivisten der Dean-Kampagne denkt mittlerweile ans finanzielle Überleben: CivicSpace heißt die kommerzielle Ausgründung, die den Drupal-Code an die Bedürfnisse von lokalen Gewerkschaften und Graswurzel-Initiativen anpasst und dafür einen kleinen Obulus verlangt, der den Programmierern ein geregeltes Einkommen verschaffen soll.
Der Kern von Drupal ist aber nach wie vor fest in der Hand der Entwickler der ersten Stunde. Letztlich entscheidet eine kleine Gruppe um Dries Buytaert, welche Entwicklungen es in den nächsten Release schaffen. Der Drupal-Gründer ist derjenige, der am wenigsten Profit aus dem Boom seiner Software schlägt. Tagsüber forscht er mit vollem Elan an der Universität Gent zu seiner Doktorarbeit, bei der es um ungleich kompliziertere Programmierung geht. Um Drupal kann er sich erst nach Feierabend kümmern - zu Hause, in einem Vorort von Antwerpen: "Andere entspannen sich vor dem Fernseher, ich schreibe eben noch etwas Code für Drupal", sagt der 27-jährige mit der Pumuckel-Frisur.
Der sportliche Zwei-Meter-Mann Buytaert wirkt eigentlich wie das genaue Gegenteil von einem, der mit seiner Freizeit nichts besseres anzufangen wüßte. Dennoch ist es dem leidenschaftlichen Segler gelungen, mit seinem Projekt eine gewaltige Dynamik zu entfachen und vor allem über Jahre am Leben zu halten.
Über 500 Software-Programmierer arbeiten auf der ganzen Welt verstreut an Drupal. Ihr Beitrag ist freiwillig und in der Regel unbezahlt. Motiviert werden sie vom Ehrgeiz, an einem erfolgsträchtigen Projekt teilnehmen zu können - egal, wer sie sind, was sie vorher gemacht haben und woher sie kommen. In der Tat scheinen Hierarchien, Pfründe oder Vorbehalte in der praktischen Entwicklungsarbeit keine Rolle zu spielen. Das einzige, was zählt, sind gute Ideen - und die kommen genausowenig auf Kommando wie aufgrund von Vorschußlorbeeren oder besonderer Vergütung zustande.
Dass soviel Kreativität und Freiwilligkeit nicht im Chaos enden, liegt in der Verantwortung von Dries Buytaert. Um die internationale Entwicklergemeinde zu koordinieren, kümmert er sich als "Maintainer" des Projektes nun vor allem darum, die gemeinsame Infrastruktur aufrecht zu erhalten, die Kommunikation untereinander zu verbessern und die dazu notwendigen Ressourcen anzubieten.
"Während ich mich inzwischen darauf konzentriere, die grobe Richtung vorzugeben, und Menschen mit ähnlichen Vorschlägen dazu ermuntere, sich zusammenzutun, weiten andere das Drupal-Projekt laufend und in die unterschiedlichsten Richtungen aus, indem sie ihre eigenen Vorstellungen umsetzen." Manche dieser Vorschläge kollidieren, manche stehen in Konkurrenz zueinander. "Aber auf längere Sicht", sagt Buytaert, "können sich nur gute Ideen durchsetzen."
Eine dieser Ideen, die die Drupal Entwickler bei ihrem "Developer Sprint" im Hotelkeller in Antwerpen erörtern, ist die Erweiterung von Drupal auf multimediale Inhalte. Das Zauberwort heisst Pod-Casting. Dries Buytaert holt sich schon jetzt laufend aus dem Netz Audio-Beiträge zu seinem anderen Steckenpferd, dem Thema Fotografie. Er hat einen RSS-Feed abonniert, der von verschiedensten Weblogs in aller Welt syndizierte Inhalte automatisch herunterlädt und mit dem MP3-Player synchronisiert. So bekommt er jeden Morgen frei Haus sein selbst zusammengestelltes Radioprogramm.
Und dann scheint es, als würde selbst der ansonsten so zurückhaltende und bescheidene Buytaert fast ein wenig euphorisch: "Offen gesagt, kann ich mir nicht vorstellen, dass ein technisches Problem die Drupal-Community überfordern wird. Wir können einfach immer nur besser und besser werden."
Doch die spannendsten Herausforderungen sind eigentlich ganz andere: "Technische Probleme sind ja meist recht einfach zu lösen", meint Buytaert. Es bedürfe in der Regel eben einer technischen Lösung. Die besondere Qualität von offenen Projekten wie Drupal aber besteht in der hohen Kunst der Kollaboration. "Und das ist in erster Linie eine soziale Herausforderung."
FLORIAN SCHNEIDER